Ein (vergängliches) Herz im Fundatlas

Autor: Stefan Blaser

Im SwissFungi-Fundatlas ist beim Fichtennadelritzenschorf (Lirula macrospora) ein Herz zu finden. Der Hintergrund dabei ist nicht die Liebe zu dieser Pilzart. Neben einer Vorstellung des “beherzten” Pilzes soll mit dieser ganzen Geschichte vielmehr gezeigt werden, weshalb im Fundatlas oft nicht die tatsächliche Verbreitung von Pilzarten sichtbar ist. 

Der Fundatlas von SwissFungi stellt für die Öffentlichkeit eine wichtige Quelle dar, um die Häufigkeit und Verbreitung der Pilze in der Schweiz einzuschätzen oder um ökologische Informationen zu den Arten (Phänologie, Substratwahl…) zu ermitteln. Dabei sollte immer klar sein, dass gerade die scheinbare Verbreitung oft irreführend ist. Dieses Phänomen in vorliegenden Daten wird im Englischen als „Bias“ bezeichnet, was etwa mit dem Wort „Verzerrung“ verdeutscht werden kann. Diese Verzerrung hinsichtlich der Verbreitungsdaten ist leicht zu erklären, stammen doch die meisten Daten in SwissFungi nicht etwa aus systematischen Untersuchungen, sondern von freiwilligen Meldern mit verschiedenen Wohnorten und unterschiedlichen Vorlieben hinsichtlich der untersuchten Pilze. Daraus ergeben sich eben oft völlig falsche Bilder zur Verbreitung von Arten.

Schauen wir uns einmal die Verbreitung des Stechpalmen-Hantelsporenkugelpilzes (Vialaea insculpta) an (Abb. 2), erkennen wir, dass die Art sich offenbar im Kanton Bern besonders wohl fühlt (was der Autor durchaus nachvollziehen kann). Der Pilz ist sehr unscheinbar: die maximal 0.5 mm (!) grossen Fruchtkörper wachsen eingesenkt in dünnen, toten Zweigen der Stechpalme (Abb. 3). Zuerst müssen also Hobby-Mykologen von der Art Kenntnis haben, um dann gezielt danach zu suchen. Auf der Verbreitungskarte sehen wir demnach das Jagdgebiet jener Hobby-Mykologen, die über entsprechende Kenntnis und genügend Interesse verfügen, um dem Pilz nachzustellen. Belohnt werden Mikroskopierende übrigens mit den sehr speziellen Sporen des Pilzes (Abb. 4).

Nun soll es aber gar nicht um den Stechpalmen-Hantelsporenkugelpilz gehen, sondern darum, mit dieser Datenverzerrung noch etwas mehr Schabernack zu treiben. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mir die Frage gestellt: Lässt sich mit Hilfe von Fundpunkten zu einer bestimmten Pilzart eine Figur, zum Beispiel ein Herz, erzeugen? 

Dazu brauchte ich freie „Zeichnungsfläche“ in meinem Jagdgebiet (keine Funde im Emmental) und es musste trotzdem eine sehr häufige Pilzart sein (ich suche nicht gerne…). Erfüllt hat diese Bedingungen der Fichtennadelritzenschorf (Lirula macrospora). Nun musste ich nur noch 14 Fundquadrate definieren und meine Familie für mehr oder weniger schöne Wochenendausflüge begeistern… (Danke für die Mitarbeit!). Jedenfalls ist das Endresultat in Abb. 5 (für die „Ewigkeit“) oder hier (vergänglich...) zu sehen. 

Dieses „Kunstwerk“ soll – durch Meldung zahlreicher Funde – bald der Vergangenheit angehören. Deshalb wird nachfolgend die Zielpilzart im Detail vorgestellt.

Fichtennadelritzenschorf (Lirula macrospora (R. Hartig) Darker)

Makroskopische Beschreibung:

Befallene, hellbraune Nadeln sitzen einzeln oder zu wenigen beisammen an grün benadelten Zweigen. Auf der Unterseite befallener Nadeln sind bis maximal 8 mm lange, schwarz glänzende, schmale Wülste zu sehen. Bei sehr feuchtem Wetter oder in der Feuchtkammer zu Hause öffnen sich die Wülste lippenförmig und es wird eine weisslich gefärbte Fruchtschicht (Apothezienscheibe) sichtbar. Charakteristisch für befallene Nadeln ist eine deutliche, schwarze Abgrenzungslinie an der Basis (Anwachspunkt).

Fichtennadelritzenschorf (Lirula macrospora (R. Hartig) Darker)

Makroskopische Beschreibung:

Befallene, hellbraune Nadeln sitzen einzeln oder zu wenigen beisammen an grün benadelten Zweigen. Auf der Unterseite befallener Nadeln sind bis maximal 8 mm lange, schwarz glänzende, schmale Wülste zu sehen. Bei sehr feuchtem Wetter oder in der Feuchtkammer zu Hause öffnen sich die Wülste lippenförmig und es wird eine weisslich gefärbte Fruchtschicht (Apothezienscheibe) sichtbar. Charakteristisch für befallene Nadeln ist eine deutliche, schwarze Abgrenzungslinie an der Basis (Anwachspunkt).

Mikroskopische Beschreibung:

Sporen hyalin, glatt, nadelförmig, mit dicker Schleimhülle, 75-86 x 3.0-3.5 µm (Messung ohne Schleimhülle). Asci zylindrisch, jedoch meist leicht bauchig (langgestreckt spindelförmig; Abb. 6). Paraphysen fädig, vorne schwach verdickt, ähnlich wie die Sporen von einer dicken Schleimhülle umgeben. Dadurch schwindet die Fruchtschicht bei Eintrocknen stark und quillt nass entsprechend stark auf.

Ökologie (nach Butin 2019): Die befallenen Nadeln sterben noch im Befallsjahr ab und werden auffallend hellbraun. An der Basis bildet der Pilz eine schwarze Linie aus phenolischen Einlagerungen, welche verhindert, dass die Nadel abgeworfen wird. Im Folgejahr bildet sich ein elliptischer Konidienfruchtkörper aus (durch den Autor bisher nicht beobachtet). Nur wenige Monate bis 1 Jahr später bilden sich die oben beschriebenen, langgestreckten, sexuellen Fruchtkörper aus. Während Regenperioden können die Ascosporen verbreitet und frische Nadeln infiziert werden. Die Nadelerkrankung tritt meist nur geringfügig in Erscheinung, kann aber bei extremer Witterung auch intensiver werden. Besonders an Jungfichten im Waldinneren können gelegentlich etwas stärkere Befälle an den unteren Ästen sichtbar werden (eigene Beobachtung).

Verbreitung: Die Art dürfte weitgehend der Verbreitung der Fichte als Wirtspflanze folgen und in der Schweiz kaum in einem Fichtenbestand fehlen.

Tannennadelritzenschorf (Lirula nervisequia (DC.: Fr.) Darker) – Eine weitere Art mit viel freier „Zeichnungsfläche“

Der Vollständigkeit halber soll noch darauf hingewiesen werden, dass es auf der Weisstanne bzw. deren Nadeln eine nahe verwandte Art, den Tannennadelritzenschorf (Lirula nervisequia) zu finden gibt. Das Erscheinungsbild und die Fruchtkörper auf der Unterseite sind sehr ähnlich. Die Sporen sind nach Butin 2019 etwas länger (57-90 µm, nach Butin 2019), was ich bei eigenen Messungen nicht nachvollziehen konnte. Meine Messung ergab mit 65 – 70 x 4.0 – 4.5 µm sogar etwas kürzere, aber etwas breitere Sporen. Die Sporen waren aber möglicherweise nicht ganz reif. Die Unterscheidung der Arten kann in jedem Fall über die Wirtswahl erfolgen.

Literatur:

Butin, Heinz. 2019. Krankheiten der Wald- und Parkbäume. Stuttgart (Hohenheim): Ulmer, 2., aktualisierte Auflage.