Machen wir bei Pilzen den gleichen Fehler, den wir schon bei Pflanzen gemacht haben?

Autorin: Lena Roth

In ihrer Masterarbeit befasste sich Lena Roth mit der zunehmenden Popularität des Imports und der Kultivierung von exotischen Pilzen sowie mit den damit verbundenen Risiken, wenn diese Arten in unsere Ökosysteme gelangen. Zur Erforschung dieser Thematik wurden genetische Analysen, Hybridisierungsexperimente und eDNA-Untersuchungen aus Sporenfallen eingesetzt.

Die Kultivierung von Pilzen erlebt weltweit einen Aufschwung, und damit nimmt auch der internationale Handel mit Pilzmyzel zu: Kultivierte Stämme werden über Ländergrenzen hinweg transportiert und gelangen so in neue geografische Regionen. 

 

Pilze verfügen über verschiedene Wege, etwa über Sporen oder kompostiertes Substrat, um aus Kultivierungssystemen in die natürliche Umwelt zu gelangen. Die ökologischen Risiken dieses weltweiten Austauschs von Pilzmyzel erhalten bislang wenig Aufmerksamkeit, obwohl es bereits Beispiele für Pilze gibt, die aus der Kultivierung entkommen sind und sich invasiv verbreiten.

Im Rahmen der Masterarbeit von Lena Roth bei SwissFungi wurde dieses Risiko an drei häufig kultivierten Arten untersucht: dem Igelstachelbart (Hericium erinaceus), der Puppen-Kernkeule (Cordyceps militaris) und dem Schleimigen Schüppling (Pholiota adiposa). Phylogenetische Analysen zeigten, dass sich viele Stämme aus der Kultivierung genetisch von einheimischen Stämmen unterscheiden. Diese Unterschiede spiegeln die unterschiedliche geografische Herkunft der jeweiligen Ausgangspopulation wieder. Bei H. erinaceus liess sich dies sogar auf Artebene nachweisen: Die untersuchten kultivierten Stämme gehörten nicht zu H. erinaceus s. str., sondern zu H. asiaticum oder H. carolinense. Kultivierte Stämme und einheimische Stämme von C. militaris unterschieden sich zusätzlich in ihrer Wachstumsgeschwindigkeit bei verschiedenen Temperaturen, ein Hinweis darauf, dass sich genetische Unterschiede zwischen verschiedenen Populationen auch in ökologisch relevanten Eigenschaften niederschlagen können. Ein Hybridisierungsexperiment mit C. militaris, zur Prüfung eines weiteren möglichen Invasionsmechanismus, ergab hingegen keine Hinweise auf Hybridisierung zwischen den untersuchten Stämmen, was diese unter anderen Bedingungen oder zwischen anderen Linien jedoch nicht ausschliesst. 

Lebendes Myzel in Reinkultur fällt weitgehend nicht unter die geltende Schweizer und internationale Handelsgesetzgebung zu invasiven Organismen und zirkuliert somit grösstenteils unkontrolliert. Zusätzlich stimmen Herkunftsangaben der Händler oft nicht mit der tatsächlichen genetischen Herkunft überein. Gelangen Stämme aus Kultivierung in die Umwelt, kommt damit potenziell fremdes genetisches Material in Kontakt mit heimischen Populationen. Da die Prävention von Einschleppungen deutlich wirksamer ist als die spätere Bekämpfung etablierter Invasionen, sprechen diese Ergebnisse dafür, regulatorische Massnahmen im Bereich der Pilzzucht bereits jetzt in Betracht zu ziehen.